Was sagen die Glasfenster unseres Kirchenraumes aus?

1970 schuf Alfons Abel für die evangelisch-methodistische Paulusgemeinde in inhaltlicher Zusammenarbeit mit Theologen vier Fenster, denen die Aufzeichnungen der Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes zugrunde liegen.

Vom Künstler stammt auch das Altarfenster von 1966 mit der symbolhaften Darstellung von Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt.

In den vier Fenstern von 1970 sind die figürlichen und abstrakten Kompositionsfolgen flächig miteinander verwoben. Für die figürliche Darstellung bedeutet dies, dass die anatomische Körperform zugunsten der Komposition aufgegeben wird, d.h. sie auf die Grundzüge der körperlichen Erscheinung vereinfacht ist. Während die figurative Darstellung einen schnellen Erkennungswert zulässt, übernimmt die abstrakte Sprache in Farbe und Formbewegung der Linienführung die eigentliche erzählerische Kraft. Sie schildert in expressiver Weise den inhaltlichen Zusammenhang. Insgesamt gewinnt das Gestische an Eigenleben und der Ausdruck tritt in den Vordergrund der Wahrnehmung.

Das Fenster im Altarraum

1966
Abstraktion zur Kreuzigung und Auferstehung

Die Fenster im Kirchensaal

 

Fenster 1

Im ersten Fenster erleuchten Strahlenbündel von oben die Hörerschaft der Bergpredigt und helfen, die lehrenden Worte Christi zu verbreiten, die das Grundgesetz des Reich Gottes verkünden. Im unteren Bildteil werden sie wie in einem Sammelbecken aufgefangen. Gebündelt treffen sie auf die linke Gruppe der Jünger, in der rechten Gruppe hält einer der Jünger einen Leuchter, um die Aufgabe zu erfüllen, die Botschaft in die Welt weiterzugeben. Ihr seid das Licht für die Welt  (Matthäus 5, 14).

Fenster 2

In der Thematisierung des zweiten Fensters, der Geißelung Christi, jagen scharf-spitze Formen wie Pfeile in den Bildraum ein und greifen die Handlung des Peinigers auf. Ein gerundetes, weich fließendes Liniengebilde windet sich schneckenförmig von oben über den rechten Bildraum. Seine sanfte Lineatur verbindet sich unmerklich mit der aggressiven Gestaltform. Safranfarbene Töne künden von der Liebe Gottes zu den Menschen, die mit der Menschwerdung Christi beginnt und durch dessen Tod und seine Auferstehung ihre Vollendung erfahren haben.

Fenster 3

Den Weg des jüngsten Sohnes, der mit dem ausgezahlten Erbteil den Vater verlassen hat und reumütig zurückgekommen ist, zeichnet das Liniengefüge im Bildnis des verlorenen Sohnes nach. Vater und Sohn stehen im Licht Gottes in der symbolischen Form des Dreiecks.  Die Rückkehr des Sohnes zu Gott, seinem eigentlichen Vater, wird belohnt mit Vergebung und mit dem Geschenk des ewigen Lebens.

Fenster 4

Der Pantokrator ist in der Darstellung des Jüngsten Gerichts durch das Kreuz gekennzeichnet. Seine Einbindung in den Kreis symbolisiert seine Verankerung in der Unendlichkeit Gottes. Im Gegensatz zu vielen christlichen Bildprogrammen verzichtet der Künstler auf die Thematisierung der Unterscheidung von Seligen und Verdammten. Die Strahlkraft des Kreuzes reicht in die Tiefe der Gräber, aus der der Aufstieg der Menschheit zu ihrem Richter beginnt. Die Darstellung bezeichnet die Aussage Jesus: "Wundert euch nicht darüber, denn die Stunde kommt, in der alle, die in den Gedächtnisgrüften sind, seine Stimme hören und herauskommen werden, die, welche Gutes getan haben, zu einer Auferstehung des Lebens, die, welche Schlechtes getrieben haben, zu einer Auferstehung des Gerichts." (Johannes 5, 28).

Um weitere Beispiele zu nennen: Als farbliturgische Übernahme kennzeichnet das dunkle Anthrazit  in der Bergpredigt die noch nicht erleuchtete Welt der unwissenden Zuhörer, in der Geißelung Christi bedeutet es Tod und Auferstehung: In das Schwarz des Todes mischt sich das Weiß der Auferstehung. In der Schuldenlast des Sünders begleiten  Brauntöne die Abkehr des Sohnes vom Vater. Das Schattendasein des verlorenen Sohnes erfährt im tiefsten Dunkel die erhellende Einsicht zur Heimkehr. Auch in der Darstellung des Jüngsten Gerichts schildern die Brauntöne die Sündenlast des Menschen, die im Aufstieg noch nicht genommen ist. Rot in seinen verschiedenen Abtönungen erzählt als Farbe des Feuers vom Opferblut Christi (Fenster 2) und von der feurigen Liebesgewalt des Hl. Geistes (Fenster 3 und 4). Gold bzw. Gelbtöne beschreiben das Wort Gottes, das in unterschiedlichen Variationen in den vier Fenstern auftritt:  In der Bergpredigt und in der Geißelung Christi zeigt es facettiert seine undeutlich bis deutlich angekommene Botschaft. Strahlend erhellt es den wiedergewonnenen Sohn; verhalten bis leuchtend erwartet es die Ankommenden am Tage des Jüngsten Gerichts.

Anmerkung: Die liturgische Farbenwelt, die hier angewandt ist, entspricht der Festlegung im 12. Jahrhundert, also im Zeitalter der Gotik. Vermutlich geschah dies als eine der Maßnahmen, die riesig gewordenen Fenster, die durch neue Bautechnik ermöglicht wurden, auch durch die farbliche Festlegung in ihrer Bedeutung zu höhen. Die Glasmaler der Romanik legten weniger Wert auf die Einhaltung eines festgelegten Farbkanons. Sie brauchten vor allem die Wirkung von Farbe für die damals sehr kleinen Fenster.

Metallplastik
an der Fassade Wattstraße

1972
Kommet her zu mir

Der Künstler Alfons Abel

Alfons Abel (1908-1994) war im 20. Jahrhundert der einzige Glasmaler in Nürnberg und galt – wie die Nürnberger Presse berichtete - als einer der bedeutendsten Glasmaler seiner Zeit in Bayern. Die Stadt Nürnberg und das Erzbischöfliche Ordinariat Bamberg hatten 1947 erfolgreich bewirkt, dass Abel aus der englischen Kriegsgefangenschaft in Ägypten entlassen wurde. Der [schon vor dem Zweiten Weltkrieg] bekannte Künstler werde beim Wiederaufbau gebraucht, hieß es. Sein erster Auftrag nach dem Krieg war die Neuverglasung der Rosette der Nürnberger Lorenzkirche. Seine Arbeit umfasst ca. 250 Werke, darunter über die Hälfte in Kirchen, kirchlichen Einrichtungen und Friedhöfen. Darüber hinaus befinden oder befanden sich seine Arbeiten in Schulen, Unternehmen und Privathaushalten, darunter in der Villa Grundig in Fürth, oder in öffentlichen Einrichtungen, darunter im großen Sitzungssaal des Nürnberger Rathauses.

Nürnberg, 26. Mai 2012

Uta Troyke

 

Glasmaler Alfons Abel

Glasmaler Alfons Abel auf Wikipedia

 

 

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